Bestellpunktverfahren: Formel, Meldebestand & Beispiel

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Das Bestellpunktverfahren (auch Meldebestandsverfahren) ist ein verbrauchsgesteuertes Verfahren der Beschaffungs- und Lagerplanung, bei dem eine neue Bestellung automatisch ausgelöst wird, sobald der Lagerbestand einen vorab definierten Grenzwert – den sogenannten Bestellpunkt oder Meldebestand – erreicht oder unterschreitet. Das Verfahren gehört zur Gruppe der bestandsgesteuerten (mengenorientierten) Dispositionsverfahren und orientiert sich am tatsächlichen Verbrauch, nicht am Kalender.

Grundprinzip und Funktionsweise

Im Bestellpunktverfahren wird der Lagerbestand kontinuierlich überwacht. Sobald der Bestand auf den Meldebestand fällt, wird automatisch eine Bestellanforderung über eine festgelegte optimale Bestellmenge ausgelöst. Während der anschließenden Wiederbeschaffungszeit (WBZ) – also der Zeit zwischen Bestellauslösung und Wareneingang – deckt der verbleibende Bestand (einschließlich Sicherheitsbestand) den laufenden Verbrauch.

Formeln für Meldebestand und Sicherheitsbestand

Bestellpunkt (Meldebestand) = Tagesverbrauch × Wiederbeschaffungszeit + Sicherheitsbestand

Der Sicherheitsbestand (auch Eiserner Bestand) puffert Schwankungen im Verbrauch und in der Lieferzeit ab:

Sicherheitsbestand = Maximaler Tagesverbrauch × Maximale WBZ − Durchschnittlicher Tagesverbrauch × Durchschnittliche WBZ

Diese Formel liefert den Mindestbestand, der auch im ungünstigsten Fall – maximaler Verbrauch bei maximaler Lieferzeit – noch ausreicht.

Vollständiges Rechenbeispiel

Ein Produktionsbetrieb verwaltet ein Rohmaterial mit folgenden Kennzahlen:

  • Durchschnittlicher Tagesverbrauch (VØ): 50 Stück/Tag
  • Maximaler Tagesverbrauch (Vmax): 70 Stück/Tag
  • Durchschnittliche Wiederbeschaffungszeit (WBZØ): 10 Tage
  • Maximale Wiederbeschaffungszeit (WBZmax): 14 Tage
  • Optimale Bestellmenge (nach Andler): 1.200 Stück

Schritt 1 – Sicherheitsbestand berechnen:
Sicherheitsbestand = 70 × 14 − 50 × 10 = 980 − 500 = 480 Stück

Schritt 2 – Meldebestand (Bestellpunkt) berechnen:
Meldebestand = 50 × 10 + 480 = 500 + 480 = 980 Stück

Interpretation: Sobald der Lagerbestand auf 980 Stück sinkt, wird sofort eine Bestellung über 1.200 Stück ausgelöst. Selbst wenn die Lieferung 14 statt 10 Tage dauert und gleichzeitig der Tagesverbrauch das Maximum von 70 Stück erreicht, wird der Bestand nicht unter null fallen: 14 × 70 = 980 Stück – genau der Meldebestand.

Schritt 3 – Maximalen Lagerbestand ermitteln:
Max. Bestand = Meldebestand + Bestellmenge − VØ × WBZØ = 980 + 1.200 − 500 = 1.680 Stück

Dieser Wert tritt auf, wenn die Lieferung genau dann eintrifft, wenn der Bestand gerade den Meldebestand unterschritten hat.

Kennzahl Wert Formel / Quelle
Sicherheitsbestand 480 Stück Vmax × WBZmax − VØ × WBZØ
Meldebestand (Bestellpunkt) 980 Stück VØ × WBZØ + Sicherheitsbestand
Optimale Bestellmenge 1.200 Stück Andlersche EOQ-Formel
Maximaler Lagerbestand 1.680 Stück Meldebestand + Bestellmenge − VØ × WBZØ
Durchschnittlicher Bestand 1.080 Stück Sicherheitsbestand + Bestellmenge / 2

Vor- und Nachteile

Vorteile: Das Verfahren reagiert flexibel auf Verbrauchsschwankungen – bei unerwartet hohem Bedarf wird früher bestellt. In modernen ERP-Systemen (SAP, Microsoft Dynamics) lässt sich der Meldebestand als Stammdatum hinterlegen, sodass die Bestellauslösung vollautomatisch erfolgt. Der Sicherheitsbestand ist im Vergleich zum zeitgesteuerten Bestellrhythmusverfahren geringer, da er nur die WBZ-Schwankung abpuffern muss.

Nachteile: Die permanente Lagerüberwachung erfordert entweder ein EDV-gestütztes Lagerverwaltungssystem oder aufwendige manuelle Kontrollen. Bei sehr vielen unterschiedlichen Materialien kann die Pflege der Meldebestände aufwendig sein. Für C-Güter mit niedrigem Wert ist das Verfahren oft unwirtschaftlich.

Das zeitgesteuerte Pendant ist das Bestellrhythmusverfahren. Für die Berechnung der optimalen Bestellmenge eignet sich die Andlersche Formel (EOQ). Die Kostenarten der Lagerhaltung – Kapitalkosten, Raumkosten, Versicherung – erklärt der Artikel zu den Lagerkosten.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Bestellpunktverfahren und Bestellrhythmusverfahren?

Beim Bestellpunktverfahren bestimmt der Lagerbestand den Bestellzeitpunkt: Wird der Meldebestand unterschritten, wird sofort bestellt. Die Bestellmenge ist dabei fix. Beim Bestellrhythmusverfahren erfolgt die Bestellung zu festen Terminen (z. B. alle zwei Wochen), unabhängig vom Bestand; die Bestellmenge variiert je nach aktuellem Vorratsniveau. Ersteres reagiert schneller auf Bedarfsschwankungen, letzteres vereinfacht die Lieferantenplanung.

Wie hoch sollte der Sicherheitsbestand angesetzt werden?

Der Sicherheitsbestand sollte die Differenz zwischen dem ungünstigsten und dem durchschnittlichen Verbrauch während der Wiederbeschaffungszeit abdecken. Je nach Bedeutung des Materials (A-, B- oder C-Gut), Lieferzuverlässigkeit des Lieferanten und Kosten eines Fehlbestands sollte er höher oder niedriger angesetzt werden. Für kritische A-Güter empfiehlt sich 2026 ein statistisch fundierter Ansatz auf Basis der Standardabweichung von Verbrauch und Lieferzeit.

Kann das Bestellpunktverfahren in ERP-Systemen automatisiert werden?

Ja. In ERP-Systemen wie SAP (Dispositionsmerkmal VB – Manueller Meldebestand) oder Microsoft Dynamics wird der Meldebestand im Materialstamm hinterlegt. Unterschreitet der Bestand diesen Wert, erzeugt das System automatisch eine Bestellanforderung (BANF) oder einen Planauftrag. Die Pflege und regelmäßige Überprüfung der Meldebestände sollte mindestens quartalsweise erfolgen.

Bestellpunktverfahren und ABC-Analyse

In der Praxis wird das Bestellpunktverfahren häufig mit der ABC-Analyse kombiniert. A-Güter (hoher Wert, geringer Mengenanteil) werden intensiv nach dem Bestellpunktverfahren disponiert, weil die kontinuierliche Überwachung gerechtfertigt ist. Bei C-Gütern (geringer Einzelwert, hoher Mengenanteil) ist der Aufwand für eine permanente Bestandsüberwachung oft unverhältnismäßig – hier bietet sich das Bestellrhythmusverfahren oder ein einfaches Zweibehältersystem an.

Die Lagerkennzahlen des Bestellpunktverfahrens lassen sich für Controllingzwecke nutzen: Über- oder unterschreitende Trendwerte beim Sicherheitsbestand weisen auf veränderte Verbrauchsmuster hin. Steigt der Sicherheitsbestand systematisch an, sollte entweder der Lieferant gewechselt oder die WBZ-Prognose angepasst werden.

Fazit

Das Bestellpunktverfahren ist in der modernen Beschaffungslogistik ein unverzichtbares Instrument, das durch ERP-Systeme vollständig automatisiert werden kann. Es sorgt für hohe Liefersicherheit bei gleichzeitig effizienter Lagerkapitalbindung – vorausgesetzt, Meldebestand und Sicherheitsbestand werden regelmäßig auf Basis aktueller Verbrauchs- und Lieferdaten überprüft und angepasst. Für A-Güter ist es das bevorzugte Dispositionsverfahren in der unternehmerischen Praxis.

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