Die Unternehmensbewertung ermittelt den wirtschaftlichen Wert eines Unternehmens oder Unternehmensanteils. Sie ist die Grundlage für Kaufpreisverhandlungen, Nachfolgeregelungen, Fusionen, Abfindungen und die Kreditwürdigkeitsprüfung. Da der „richtige“ Wert von Anlass, Perspektive und Zukunftserwartungen abhängt, kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, die je nach Situation zu abweichenden Ergebnissen führen können.
Inhaltsverzeichnis
Was ist eine Unternehmensbewertung?
Eine Unternehmensbewertung übersetzt die künftige Ertragskraft und die Substanz eines Unternehmens in einen Geldbetrag. Anders als der Buchwert aus der Bilanz orientiert sich der Unternehmenswert an der Zukunft: Entscheidend ist, welche Erträge oder Zahlungsüberschüsse ein Käufer künftig erwarten kann. Der Wert ist damit stets zukunftsgerichtet und abhängig von Prognosen, Risikoeinschätzung und dem gewählten Kapitalisierungszinssatz. Zudem hängt er vom Bewertungsanlass ab, denn Käufer und Verkäufer verfolgen unterschiedliche Interessen. In Deutschland gibt der Standard IDW S1 des Instituts der Wirtschaftsprüfer den Rahmen für eine ordnungsgemäße, nachvollziehbare Bewertung vor.
Methoden und Verfahren
Die gängigen Bewertungsverfahren lassen sich in mehrere Gruppen einteilen, die jeweils einen anderen Blick auf den Wert werfen. Man unterscheidet vor allem zukunftsorientierte Verfahren, marktorientierte Vergleichsverfahren und substanzorientierte Ansätze:
- Ertragswertverfahren: Die künftigen nachhaltigen Gewinne werden mit einem risikoangepassten Zinssatz auf den Bewertungsstichtag abgezinst. In Deutschland ist es das klassische Verfahren nach IDW S1.
- Discounted-Cash-Flow-Verfahren (DCF): Statt der Gewinne werden die künftigen freien Zahlungsüberschüsse (Free Cash Flows) diskontiert. Es ist international am weitesten verbreitet.
- Multiplikatorverfahren: Der Wert wird über Kennzahlen vergleichbarer Unternehmen geschätzt, etwa als Vielfaches von Umsatz oder EBIT.
- Substanzwertverfahren: Es summiert die einzelnen Vermögensgegenstände zu Wiederbeschaffungswerten abzüglich der Schulden; es bildet meist nur eine Wertuntergrenze.
In der Praxis werden häufig mehrere Verfahren kombiniert, um die Ergebnisse gegenseitig zu plausibilisieren und eine belastbare Wertbandbreite zu erhalten. Bei kleinen und mittleren Unternehmen wird zusätzlich häufig ein Zu- oder Abschlag für die Abhängigkeit vom Inhaber sowie für die eingeschränkte Handelbarkeit der Anteile vorgenommen.
Beispiel Ertragswertverfahren
Ein Unternehmen erwirtschaftet nachhaltig einen jährlichen Ertrag von 300.000 €. Der Kapitalisierungszinssatz beträgt 10 %. Bei unendlicher Ertragsdauer gilt vereinfacht:
- Ertragswert = nachhaltiger Ertrag ÷ Kapitalisierungszinssatz
- Ertragswert = 300.000 € ÷ 0,10 = 3.000.000 €
Steigt der Zinssatz wegen höheren Risikos auf 12 %, sinkt der Wert auf 2.500.000 €. Das zeigt, wie stark der Kapitalisierungszinssatz das Ergebnis bestimmt und warum seine sorgfältige Herleitung so entscheidend ist. Neben dem reinen Ertragswert ist bei der Bewertung häufig noch nicht betriebsnotwendiges Vermögen gesondert zu berücksichtigen, etwa nicht genutzte Grundstücke oder überschüssige Liquidität, die gesondert zum Verkaufs- oder Marktwert hinzugerechnet werden.
Häufige Fragen zur Unternehmensbewertung
Warum liefern verschiedene Verfahren unterschiedliche Werte?
Jedes Verfahren betont eine andere Perspektive – Ertragskraft, Zahlungsströme oder Substanz. Deshalb wird häufig eine Bandbreite ermittelt, statt einen einzelnen exakten Wert zu behaupten.
Was ist der Kapitalisierungszinssatz?
Er setzt sich aus einem risikolosen Basiszins und einem Risikozuschlag zusammen. Er bildet die Renditeforderung des Investors ab und ist der zentrale Hebel jeder Ertrags- oder DCF-Bewertung. Schon kleine Änderungen des Zinssatzes verändern den Unternehmenswert erheblich.
Wann eignet sich das Multiplikatorverfahren?
Es ist praktisch für eine schnelle erste Einschätzung oder bei ausreichend vergleichbaren Transaktionen. Für eine fundierte Bewertung wird es meist nur ergänzend zum Ertragswert- oder DCF-Verfahren genutzt.