Das Bestellrhythmusverfahren ist ein zeitgesteuertes Verfahren der Materialwirtschaft, bei dem Bestellungen in festen, regelmäßigen Zeitabständen ausgelöst werden – etwa wöchentlich, zweiwöchentlich oder monatlich. Der Bestelltermin ist unabhängig vom aktuellen Lagerbestand; lediglich die Bestellmenge variiert je nach tatsächlichem Verbrauch seit dem letzten Kontrolltermin. Das Verfahren gehört zu den zeitgesteuerten (periodischen) Dispositionsverfahren und ist das Gegenstück zum bestandsgesteuerten Bestellpunktverfahren.
Inhaltsverzeichnis
Grundprinzip und Formeln
Das Unternehmen legt einen festen Bestellzyklus T (in Tagen) fest. Zum jeweiligen Kontrolltermin wird der Ist-Bestand gemessen und es wird so viel bestellt, dass der Auffüllbestand (Höchst- oder Zielbestand) wieder erreicht wird.
Formel Bestellmenge:
Bestellmenge = Auffüllbestand − aktueller Lagerbestand
Formel Auffüllbestand:
Auffüllbestand = Tagesverbrauch × (Bestellzyklus + Wiederbeschaffungszeit) + Sicherheitsbestand
Der Sicherheitsbestand muss beim Bestellrhythmusverfahren höher angesetzt werden als beim Bestellpunktverfahren, da er Verbrauchsschwankungen über den gesamten Zyklus und die Wiederbeschaffungszeit abdecken muss – nicht nur über die Wiederbeschaffungszeit allein.
Vollständiges Rechenbeispiel
Ein Fertigungsbetrieb bestellt sein Hilfsmaterial nach folgendem Schema:
- Durchschnittlicher Tagesverbrauch (VØ): 40 Stück/Tag
- Maximaler Tagesverbrauch (Vmax): 60 Stück/Tag
- Bestellzyklus (T): 14 Tage
- Wiederbeschaffungszeit (WBZ): 5 Tage
- Maximale WBZ: 7 Tage
Schritt 1 – Sicherheitsbestand berechnen:
Der Sicherheitsbestand deckt Zyklus plus WBZ bei Maximalverbrauch minus Durchschnittsfall:
Sicherheitsbestand = Vmax × (T + WBZmax) − VØ × (T + WBZØ)
= 60 × (14 + 7) − 40 × (14 + 5) = 60 × 21 − 40 × 19 = 1.260 − 760 = 500 Stück
Vereinfachte Formel (nur Verbrauchsschwankung während WBZ):
Sicherheitsbestand = (Vmax − VØ) × WBZmax = 20 × 7 = 140 Stück (untere Grenze)
Schritt 2 – Auffüllbestand berechnen (mit Sicherheitsbestand 500 Stück):
Auffüllbestand = 40 × (14 + 5) + 500 = 40 × 19 + 500 = 760 + 500 = 1.260 Stück
Schritt 3 – Bestellmenge am Kontrolltag:
Aktueller Lagerbestand: 310 Stück
Bestellmenge = 1.260 − 310 = 950 Stück
Beim nächsten Kontrolltermin in 14 Tagen, wenn der Bestand z. B. bei 240 Stück liegt:
Bestellmenge = 1.260 − 240 = 1.020 Stück
| Merkmal | Bestellrhythmusverfahren | Bestellpunktverfahren |
|---|---|---|
| Bestellzeitpunkt | Fest (kalendergebunden) | Variabel (Meldebestand unterschritten) |
| Bestellmenge | Variabel (bis Auffüllbestand) | Fix (optimale Bestellmenge) |
| Lagerüberwachung | Nur zu Kontrollterminen | Kontinuierlich (permanent) |
| Höhe Sicherheitsbestand | Höher (Zyklus + WBZ-Schwankung) | Geringer (nur WBZ-Schwankung) |
| Kapitalbindung | Tendenziell höher | Tendenziell geringer |
| Eignung | Gleichmäßiger Verbrauch, C-Güter, Sammelbestellungen | Schwankender Bedarf, A-Güter, wichtige Materialien |
Vor- und Nachteile im Überblick
Vorteile: Feste Bestelltermine erleichtern die Lieferantenplanung erheblich und ermöglichen die Bündelung mehrerer Positionen zu einer Sammelbestellung, was Transaktions- und Transportkosten senkt. Der Aufwand für die Lagerüberwachung ist geringer, da nicht kontinuierlich kontrolliert werden muss. Besonders geeignet für gleichmäßig verbrauchte Verbrauchsmaterialien und C-Güter.
Nachteile: Da unabhängig vom Verbrauch zum festen Termin bestellt wird, muss ein deutlich höherer Sicherheitsbestand vorgehalten werden als beim Bestellpunktverfahren. Bei stark schwankendem Bedarf – z. B. saisonal oder durch Großaufträge – besteht zwischen zwei Kontrollterminen das Risiko eines Fehlbestands. Die Lagerkosten steigen durch die höhere durchschnittliche Bestandshaltung.
Für eine umfassende Betrachtung der Lagerkosten – einschließlich Lagerhaltungskostensatz und Berechnung – empfiehlt sich der Artikel zu den Lagerkosten. Die optimale Bestellmenge lässt sich mit der Andlerschen EOQ-Formel ermitteln.
Häufige Fragen
Warum ist der Sicherheitsbestand beim Bestellrhythmusverfahren höher?
Beim Bestellrhythmusverfahren wird der Bestand nur zu festen Terminen kontrolliert. Zwischen zwei Kontrollterminen kann der Bestand unerkannt stark absinken. Der Sicherheitsbestand muss daher Schwankungen über den gesamten Bestellzyklus plus Wiederbeschaffungszeit abpuffern. Beim Bestellpunktverfahren reagiert das System sofort, sobald der Meldebestand unterschritten wird – der Puffer muss nur für die WBZ ausreichen.
Wann ist das Bestellrhythmusverfahren dem Bestellpunktverfahren vorzuziehen?
Das Bestellrhythmusverfahren ist vorteilhaft, wenn mehrere Materialien beim selben Lieferanten zu Sammelbestellungen gebündelt werden sollen, wenn eine kontinuierliche Bestandsüberwachung zu aufwendig wäre (z. B. bei C-Gütern) oder wenn Rabattstaffeln des Lieferanten periodische Großbestellungen wirtschaftlich machen. In 2026 setzen viele Unternehmen beide Verfahren parallel ein – nach ABC-Klassifikation differenziert.
Wie wird der optimale Bestellzyklus bestimmt?
Der optimale Bestellzyklus ergibt sich aus der optimalen Bestellmenge dividiert durch den Jahresverbrauch, multipliziert mit der Anzahl der Arbeitstage. Beispiel: Optimale Bestellmenge 800 Stück, Jahresverbrauch 14.400 Stück → Topt = 800 / 14.400 × 240 = 13,3 Tage → aufgerundet auf 14 Arbeitstage (2 Wochen). Der Zyklus sollte regelmäßig, mindestens jährlich, auf Basis aktueller Verbrauchsdaten überprüft werden.
Praxiseinsatz und Digitalisierung
In modernen ERP-Systemen werden beide Verfahren – Bestellrhythmus und Bestellpunkt – digital abgebildet. Das Bestellrhythmusverfahren ist in SAP unter dem Dispositionsmerkmal „R“ (Bestellpunktplanung zeitgesteuert) oder über periodische MRP-Läufe abbildbar. Viele Unternehmen kombinieren in 2026 beide Verfahren in einem hybriden Ansatz: A-Güter werden bestandsgesteuert disponiert, C-Güter nach festen Rhythmen.
Beim Vendor-Managed-Inventory (VMI) übernimmt der Lieferant selbst die Bestandsüberwachung und Belieferung nach vereinbarten Füllstandsregeln – dies ist eine moderne Weiterentwicklung des Bestellrhythmusgedankens, bei der der Abnehmer den Bestellimpuls gar nicht mehr selbst setzen muss.
Fazit
Das Bestellrhythmusverfahren bietet durch seine festen Kontrolltermine und die Möglichkeit zur Sammelbestellung erhebliche organisatorische Vorteile. Es eignet sich besonders für Unternehmen mit gleichmäßigem Materialverbrauch, die ihren Beschaffungsaufwand minimieren und Transportkosten durch Bündelung senken möchten. Wer hingegen ein breites Sortiment mit unterschiedlichem Verbrauchsmuster verwaltet, kombiniert das Verfahren sinnvollerweise mit dem Bestellpunktverfahren – differenziert nach der ABC-Klassifikation der Materialien.