Der Kapazitätserweiterungseffekt – auch Lohmann-Ruchti-Effekt genannt – beschreibt, wie ein Unternehmen seine Produktionskapazität allein durch die Reinvestition verdienter Abschreibungsgegenwerte erweitern kann, ohne zusätzliches Kapital von außen aufzunehmen.
Inhaltsverzeichnis
Was ist der Kapazitätserweiterungseffekt?
Abschreibungen fließen über die Umsatzerlöse als Gegenwerte zurück ins Unternehmen. Werden diese Rückflüsse laufend in neue, gleichartige Anlagen investiert, bevor die Altanlagen ersetzt werden müssen, entsteht zeitweise eine größere Zahl nutzbarer Anlagen als zu Beginn. Die Kapazität wächst – obwohl der nominale Kapitaleinsatz konstant bleibt.
Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Solange eine Maschine noch produziert, aber bereits teilweise abgeschrieben ist, hat das Unternehmen diesen abgeschriebenen Teil schon als Geld zurückerhalten. Sammelt man diese Rückflüsse über mehrere Maschinen, reicht das angesammelte Kapital aus, um zusätzliche Maschinen anzuschaffen, ohne dass die alten bereits ausgetauscht werden müssten. So überlagern sich für eine gewisse Zeit alte und neue Anlagen, und die Gesamtkapazität steigt deutlich über den Anfangsbestand.
- Voraussetzung: Die Abschreibungsgegenwerte werden tatsächlich am Markt verdient.
- Die Rückflüsse werden sofort wieder in identische Anlagen reinvestiert.
- Der Effekt beruht auf der Zeitspanne zwischen Kapitalfreisetzung und Ersatzbeschaffung.
Vereinfachtes Zahlenbeispiel
Ein Betrieb startet mit 4 Maschinen zu je 1.000 € (Gesamtinvestition 4.000 €), Nutzungsdauer 4 Jahre, lineare Abschreibung. Pro Maschine fallen jährlich 250 € Abschreibung an, gesamt zu Beginn 1.000 €/Jahr. Die Rückflüsse werden gesammelt und sofort in neue Maschinen (1.000 €/Stück) reinvestiert:
- Jahr 1: AfA-Rückfluss 4 × 250 = 1.000 € → 1 neue Maschine. Bestand: 5 Maschinen.
- Jahr 2: AfA 5 × 250 = 1.250 € → 1 neue Maschine (1.000 €), Rest 250 € vorgetragen. Bestand: 6.
- Jahr 3: AfA 6 × 250 = 1.500 € + 250 Rest = 1.750 € → 1 neue Maschine, Rest 750 €. Bestand: 7.
- Jahr 4: AfA 7 × 250 = 1.750 € + 750 Rest = 2.500 € → 2 neue Maschinen, Rest 500 €. Vor Ausscheiden der 4 Erstmaschinen: 9.
Nach Ablauf der ersten Nutzungsdauer scheiden die 4 Ausgangsmaschinen aus. Der Bestand pendelt sich auf rund das Doppelte der Anfangskapazität ein – finanziert ausschließlich aus reinvestierten Abschreibungsgegenwerten.
Annahmen und Grenzen des Effekts
Der Lohmann-Ruchti-Effekt gilt nur unter idealtypischen Bedingungen. In der Praxis schwächen mehrere Faktoren ihn ab:
- Konstante Wiederbeschaffungspreise (keine Inflation, kein technischer Fortschritt).
- Beliebige Teilbarkeit der Anlagen – real sind Maschinen unteilbar.
- Stetige Absetzbarkeit der Mehrproduktion am Markt.
- Tatsächliches Verdienen der Abschreibungen über die Verkaufspreise.
Theoretisch verdoppelt sich die Kapazität bei linearer Abschreibung näherungsweise (Multiplikator ca. 2). Steigende Preise oder unteilbare Anlagen reduzieren den realen Effekt deutlich.
Häufige Fragen zum Kapazitätserweiterungseffekt
Wer hat den Effekt entdeckt?
Benannt ist er nach den Betriebswirten Karl Lohmann und Hans Ruchti, die ihn in den 1950er-Jahren unabhängig voneinander beschrieben. International ist er auch als „Ruchti-Lohmann-Effekt“ bekannt.
Wie hängt der Effekt mit dem Kapitalfreisetzungseffekt zusammen?
Der Kapitalfreisetzungseffekt ist die Voraussetzung: Abschreibungsgegenwerte werden vor der Ersatzbeschaffung frei. Werden diese freien Mittel in zusätzliche Anlagen investiert, entsteht daraus der Kapazitätserweiterungseffekt.
Um welchen Faktor wächst die Kapazität maximal?
Unter idealtypischen Annahmen und linearer Abschreibung verdoppelt sich die Kapazität näherungsweise (Faktor 2). Bei geometrisch-degressiver Abschreibung kann der Multiplikator rechnerisch höher liegen, praktisch ist er jedoch begrenzt.