Das Tenderverfahren ist ein Ausschreibungs- beziehungsweise Versteigerungsverfahren, mit dem die Europäische Zentralbank (EZB) den Geschäftsbanken Zentralbankgeld zur Verfügung stellt oder entzieht. Es ist das zentrale Instrument der Offenmarktpolitik und dient der Steuerung der Geldmenge und des Zinsniveaus im Euroraum. Über das Tenderverfahren versorgt die Notenbank den Bankensektor regelmäßig mit Liquidität und beeinflusst so mittelbar die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
Inhaltsverzeichnis
Was ist das Tenderverfahren?
Beim Tenderverfahren fordert die Zentralbank die Geschäftsbanken auf, Gebote für die Aufnahme von Zentralbankgeld abzugeben. Die Banken stellen dafür Sicherheiten (notenbankfähige Wertpapiere) und erhalten im Gegenzug Liquidität, meist im Rahmen befristeter Geschäfte (Wertpapierpensionsgeschäfte). Nach Ablauf der Frist führen die Banken die Liquidität samt Zinsen wieder zurück. Die wichtigsten Refinanzierungsgeschäfte der EZB – die Hauptrefinanzierungsgeschäfte – werden über das Tenderverfahren abgewickelt. Man unterscheidet zwei Grundformen: den Mengentender und den Zinstender.
Mengentender und Zinstender
Die beiden Verfahren unterscheiden sich darin, wer den Zinssatz bestimmt:
- Mengentender: Die Zentralbank gibt den Zinssatz fest vor. Die Banken nennen nur die gewünschte Betragsmenge. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, werden die Gebote anteilig (repartiert) zugeteilt.
- Zinstender: Die Banken geben Gebote mit Betrag und Zinssatz ab. Den Zuschlag erhalten zuerst die Gebote mit den höchsten Zinssätzen, bis das geplante Zuteilungsvolumen erreicht ist.
Beim Zinstender gibt es zudem zwei Zuteilungsverfahren: das amerikanische Verfahren, bei dem jede Bank ihren individuell gebotenen Zins zahlt, und das holländische Verfahren, bei dem alle denselben einheitlichen Zuteilungssatz zahlen.
Ablauf des Tenderverfahrens
Der typische Ablauf gliedert sich in mehrere Schritte:
- Ankündigung: Die EZB gibt die Ausschreibung mit Bedingungen bekannt.
- Gebotsabgabe: Die Geschäftsbanken reichen ihre Gebote über die nationalen Zentralbanken ein.
- Zuteilung: Die EZB ermittelt den Zuteilungsbetrag und gegebenenfalls den Zuteilungssatz.
- Abwicklung: Liquidität wird gegen Sicherheiten bereitgestellt und nach Laufzeitende zurückgeführt.
Über die Höhe der Zuteilung und den Zinssatz steuert die Zentralbank, wie viel Geld den Banken und damit der Wirtschaft zur Verfügung steht.
Bedeutung für die Geldpolitik
Das Tenderverfahren ist ein wichtiges Werkzeug der geldpolitischen Steuerung im Eurosystem. Über die regelmäßigen Refinanzierungsgeschäfte beeinflusst die EZB, wie viel Zentralbankgeld den Banken zur Verfügung steht, und wirkt so auf das gesamte Zinsniveau ein.
- Hauptrefinanzierungsgeschäfte: kurzfristige Geschäfte mit meist einwöchiger Laufzeit, das wichtigste Steuerungsinstrument.
- Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte: versorgen die Banken über mehrere Monate mit Liquidität.
Erhöht die EZB die zugeteilte Geldmenge oder senkt den Zinssatz, wird Kredit für Banken und Unternehmen günstiger – die Wirtschaft wird angeregt. Verknappt sie die Liquidität, wirkt dies dämpfend auf die Konjunktur und die Inflation. Das Tenderverfahren ist damit ein zentraler Hebel der europäischen Geldpolitik.
Häufige Fragen zum Tenderverfahren
Was ist der Unterschied zwischen Mengen- und Zinstender?
Beim Mengentender legt die Zentralbank den Zinssatz fest, die Banken bieten nur Mengen. Beim Zinstender bieten die Banken sowohl Menge als auch Zinssatz, wodurch der Zins durch die Gebote bestimmt wird.
Wozu dient das Tenderverfahren?
Es dient der Steuerung der Geldmenge und des Leitzinsniveaus. Über die Zuteilung von Zentralbankgeld beeinflusst die EZB die Liquidität der Banken und damit die Geldpolitik im Euroraum.
Welche Sicherheiten benötigen die Banken?
Die Banken müssen notenbankfähige Sicherheiten hinterlegen, etwa bestimmte Staatsanleihen oder andere von der EZB zugelassene Wertpapiere. Ohne ausreichende Sicherheiten erhalten sie keine Zuteilung.